Schwester Clerenze
[…]
Für Schwester Clerenze lag die Einführung des schulzahnärztlichen Dienstes auf einer Linie mit dem, was sie selbst immer wieder sagte: Die Kinder, die sauber und ordentlich und gut angezogen zur Schule kamen, waren auch die tüchtigsten Schüler. Bleistift, Federhalter und Lineal gehörten ins Federmäppchen, und jedes Buch musste in Papier eingeschlagen sein. Die Schule war eine Privatschule, und ihr Ruf hing davon ab, dass die Schüler, die sie besuchten, sich tadellos aufführten. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Die Schule war auf Unterstützung angewiesen, und diese kam nicht von irgendwelchen Elendsgestalten. Sie kam in erster Linie von Leuten, die gesellschaftlich ein entscheidendes Wort mitzureden hatten. Das galt für die Schulen der Franziskaner in Belgien und Dänemark ebenso wie für ihre Schule auf den Färöern. Ohne Unterstützung konnten sie gleich das Handtuch werfen. Aber natürlich nahmen die Nonnen alle Kinder auf. Auch die vom Revagarður und diejenigen, die draußen auf dem Reyn in kümmerlichen Verhältnissen hausten. Und wenn schon die Rede von armen Leuten war: Nur wenige in der Stadt dürften ein ärmeres Leben als die Schwestern führen, und noch weniger dürften so hart arbeiten wie sie. Aber dass sich dieser gescheite Bengel vom Revagarður so in der Klasse hervortat, darüber konnte sich Schwester Clerenze maßlos aufregen. Ständig hatte er den Finger oben, und das bei diesen ungepflegten Fingernägeln! Er passte nicht in ihr schönes Bild von einem guten Schüler. In Wirklichkeit war Schwester Clerenze ein unverbesserlicher Snob. Nichts weiter. Schützend hielt sie ihre ungerechte Hand über ein Aas wie Hannis, und das allein aus dem Grund, weil sein Vater Kapitän war und dem Kloster häufig Salzfisch zukommen ließ. Zur tüchtigen Dagmar war sie ebenfalls zuckersüß. Dagmars Mutter unterrichtete am Gymnasium, ihr Vater war Arzt. Bei Staffan, dem Sohn des Tingabgeordneten und Rechtsanwalts Halldór Danielsen, erkundigte sie sich oft nach dem Befinden der Eltern. Bei Djalli wäre ihr das nie in den Sinn gekommen. Aber das hinderte Djalli nicht daran, seine Fingernägel in die Luft zu strecken. Und manchmal berichtete er Dinge, die Schwester Clerenze direkt in Weißglut versetzten. Einmal erzählte er im Unterricht, der Papst habe den Leuten ((34)) von Hvítanes „Bauers Fenster“ gestohlen und es in seinem Keller unter dem Vatikan versteckt. Schwester Clerenze wäre beinah ohnmächtig zu Boden gesunken.
„Niemand darf den Papst einen Dieb nennen!“, rief sie.
Djalli bekam eine hinter die Ohren und wurde außerdem ins Büro der Direktorin Schwester Agnes geschickt, um sich dafür zu entschuldigen, dass er den Papst einen Dieb genannt hatte. Die Direktorin hörte sich an, was der verwirrte Djalli zu erzählen hatte, und merkte gleich, dass in der Geschichte von „Bauers Fenster“ ein Stückchen einer wahren Begebenheit steckte. In ihrer Freizeit arbeitete sie an einem kulturgeschichtlichen Essay über die Katholiken auf den Färöern, und wie sie später zu Schwester Clerenze sagte, hatte ihr Djalli, ohne es selbst zu wissen, einen interessanten historischen Hinweis gegeben.
„Du musst deinen Jähzorn besser zügeln, anders geht es nicht“, ermahnte die Direktorin Schwester Clerenze.
Und einige Wochen ging alles einigermaßen gut. Bis Djalli in einer Religionsstunde zu berichten wusste, dass Gott kein Christ sein könne.
„Er ist weder Pfingstler noch Katholik. Denn Gott ist immer da gewesen, während Jesus erst viel später geboren wurde.“
Doch eine solch glänzende Bemerkung aus dem Munde eines grünen Bengels, die zudem umgehend das Interesse der Klasse weckte – das war mehr, als Schwester Clerenze ertragen konnte. Außer der gewohnten Ohrfeige wurde Djalli zum Nachsitzen verdonnert. „Ich werde nie wieder Gott spotten“ musste er fünfzigmal auf einen breiten Streifen Papier schreiben.
Die Ratte und die Bilderbibel
Normalerweise empfing Schwester Clerenze die Kinder draußen an der Tür, wenn sie nach der Pause wieder hereinkamen. Sie hielt ihre Uhr in der Hand und zog die Nachzügler gut gelaunt an den Nackenhaaren. Aber vor der ersten Religionsstunde nach den Herbstferien war alles anders. Die große Pause war vorbei, die Kinder standen in der Klasse und warteten auf die Aufforderung, sich zu setzen. Aber diese Aufforderung kam nicht. Schwester Clerenze stand schweigend vor dem Bücherregal, blätterte in der Bilderbibel und schien Ort und ((35)) Zeit vergessen zu haben. Eine eigenartige Stille begann sich in der Klasse auszubreiten, und voller Verwunderung blickten sich die Kinder fragend an. Endlich legte Schwester Clerenze das Buch zur Seite, bat die Kinder, sich zu setzen, ging mit ernster Miene zur Tür und schloss sie. In der Klasse war es so still, dass man ihr Unterkleid rascheln hörte, als sie durch den Raum ging. Bei Djallis Pult blieb sie stehen und wies ihn an vorzulesen, was sie an die Tafel geschrieben habe.
„Eine Ratte hat …“, las Djalli.
„Steh auf, wenn Du vorliest!“, verlangte die Nonne.
„Eine Ratte hat die Bilderbibel angenagt. Die Ratte hat den gutherzigen Abel gefressen. Und David und Samson. Die Ratte ist so gefährlich, dass sie auch dem Jesuskind den Kopf abgebissen hat. Sie hat viele von jenen gefressen, die Gott am liebsten hat.“
Jeder in der Klasse wusste, dass Djalli ganz vernarrt in die Bilderbibel war. In jenen glücklichen Pausen, wenn es fürchterlich regnete oder stürmte und die Kinder drinnen bleiben durften, hatte er stets dieses große Buch auf dem Schoß. Nur der oberste Haarschopf, Fingerspitzen und Beine waren noch zu sehen. Mitunter wollte ein anderer mit ins Buch gucken, dann wurde es auf den Boden gelegt und die Kinder lagen auf dem Bauch davor und sahen sich die Bilder an, die fast so aussahen wie die damals so beliebten Glanzbilder.
Schwester Clerenze zog ihre Uhr aus dem Kleidersaum, ließ den Deckel aufspringen und verkündete, es sei zwölf Minuten vor elf, und keiner käme zum Mittagessen nach Hause, bevor nicht die Ratte entlarvt sei. Sie ging hinüber zum Bücherregal, nahm die Bilderbibel heraus und legte sie auf ihr Pult. Die Kinder waren noch immer aufgeregt, und Djalli überlegte besorgt, warum gerade er die Worte an der Tafel hatte vorlesen sollen.
„Mit den Ratten sind viele der allerschlimmsten Krankheiten gekommen. Kann mir einer von euch sagen, warum?“
Schwester Clerenze ließ ihren Blick über die Klasse schweifen. Sie hatte ein Grübchen in ihrem schönen breiten Gesicht. Und sah man nur auf ihren Mund, hätte man sie für eine fröhliche Nonne gehalten. Ihr Blick aber war so brutal, dass keiner sich traute, die Hand zu heben.
((36)) „Der Ochse, das Lamm und auch der Fisch wurden erschaffen, damit wir nicht hungern müssen. Aber Ratten essen wir nicht. Und das sollen wir auch nicht. Dennoch hat die Ratte eine Aufgabe und eine ganz besondere Bedeutung. Gott hat die Ratte als ein Werkzeug erschaffen, um die Menschen zu bestrafen.“
Sie schlackerte mit den langen Ärmeln und fuhr fort.
„Als ich so alt war wie ihr, herrschte in Antwerpen fast ein Bürgerkrieg. Die Arbeiter wollten nicht arbeiten, und die Bolschewiken, die in ihren Vereinen das Sagen hatten, hassten die Kirche. Und Gott sah, was geschah. Was glaubt ihr, was er tat? Ja, er sandte von den Kanälen die Ratten herauf, um die Menschen zu strafen, die nicht länger an Jesus glaubten. Die Mütter wagten nicht, ihre Kinder draußen im Kinderwagen liegen zu lassen, weil die Ratten sie angriffen. Sie kletterten die Baumstämme hinauf, fraßen die kleinen Vogeljungen, und in jenem Jahr ertönte kein herrlicher Vogelgesang im Park. Sie fraßen alle Katzenjungen in der Stadt und manchmal griffen sie zu mehreren kleinere Hunde an und fraßen ihnen die Eingeweide aus dem Leib. Die Ratten waren überall, und die Menschen waren von panischem Schrecken erfüllt.
Doch eines Tages verkündete Leopold de Coster, unser gläubige Bürgermeister, der auch mehrere Fabriken besaß, dass es nun genug sei. Es gehe nicht an, dass Bolschewiken und Ratten sich einer so alten und prächtigen Stadt wie Antwerpen bemächtigten. Der Bürgermeister erklärte den Ratten den Krieg und forderte alle zum Mitmachen auf, denn dies sei ein Krieg zwischen Gut und Böse.
Ich war damals elf Jahre alt und kam zusammen mit vier anderen Kindern in eine Rattenbrigade. Wir trugen Stiefel und Handschuhe und hatten ein Tuch um den Hals. Und einer hatte eine Schneebrille auf, um seine Augen zu schützen, falls eine Ratte angreifen sollte. Wir alle hatten Knüppel und die Taschen voller Steine. So gingen wir auf Rattenjagd. Da gab es keine Gnade. Viele Ratten töteten wir mit Steinen. Manchmal lockten wir sie mit Brotkrümeln aus ihrem Versteck, und wenn sie den Kopf raussteckten, schlugen wir mit dem Knüppel zu. Wenn wir ein Rattennest fanden, traten wir die Jungen tot. Nicht weil es uns so gefiel, sondern weil wir es Gott schuldig waren. Einer setzte die Rattennester auch in Brand, und der Gestank von verbranntem Rattenfleisch verfolgt mich noch heute. Und für ((37)) zehn getötete Ratten bekamen wir ein Öre vom Kaplan unserer Kirche.“
Schwester Clerenze blätterte in der Bilderbibel, und als sie zu der ersten zerrissenen Seite kam, begann sie, mit dem offenen Buch in Händen zwischen den Pultreihen auf und ab zu gehen.
„Der das getan hat, befindet sich in diesem Augenblick hier in der Klasse. Es handelt sich hierbei nicht nur um ein furchtbares Vergehen der Schule gegenüber, sondern auch um einen Angriff auf das Jesuskind. Und eins solltet ihr nicht vergessen: Wer das Geringste von der Sache weiß und nichts sagt, auch er verhöhnt, was rein und heilig ist.“
Aber das Schweigen in der Klasse hielt an.
„Wer von euch benutzt das Buch am häufigsten?“, fragte sie dann.
Dabei sah sie Djalli an. Aber er brachte kein Wort heraus, saß seltsam still da, die Hände zwischen den Knien, und knetete nervös seine Fingerspitzen. Also wandte sie sich an seinen Sitznachbarn Olaf und wiederholte ihre Frage. Jeder in der Klasse wusste genau, wer das Buch am häufigsten benutzte, aber Djallis Namen in diesem Augenblick zu nennen, das wäre wie petzen gewesen. Im Nu hatte Schwester Clerenze Olaf an den Nackenhaaren gepackt und verlangte eine Antwort. Ihr fester Griff tat weh, aber er brachte es trotzdem nicht über sich, Djallis Namen auszusprechen. Nicht nur weil sie Sitznachbarn waren: Petzen war fast genauso schlimm wie das Zerschneiden einer Bilderbibel. Olaf spürte Schwester Clerenzes warmen Atem an seinem Ohr, und als sie ihre Hand verdrehte und stärker an seinen Nackenhaaren zog, verließ ihn der Mut und er sagte, er wisse es nicht.
„Bis du ganz sicher?“
„Nein“, sagte er, dem Weinen nahe.
„Wer benutzt das Buch am häufigsten?“
„Djalli, glaube ich“, flüsterte Olaf.
„Ich verstehe dich nicht“, sagte sie und ließ ihn plötzlich los.
„Geh nach vorn und schreib deine Antwort an die Tafel!“
Widerstrebend ging Olaf nach vorn an die Tafel. Ihm kam plötzlich der Gedanke, er könne zur Tür rennen und weglaufen, aber auch das wagte er nicht. Er hasste sich selbst, und ((38)) als er mit der Kreide in der Hand dastand, blickte er schnell zu Djalli hinüber. Aber Djalli saß immer noch so seltsam still da und knetete seine Finger. Bei jedem Buchstaben, den Olaf schrieb, hoffte er, dass ein Unglück geschähe. Dass Gott einen Feuerstrahl senden und ihren Habit versengen würde oder dass sich der Boden auftun und dieser fürchterliche Augenblick darin verschwinden würde. Aber nichts dergleichen geschah. Er schrieb „Djalli“, ging zurück an seinen Platz und setzte sich.
„Was kann man mit den Bildern aus der Bibel machen?“, fragte Schwester Clerenze.
„Glanzbilder.“
Es war Hannis, der das sagte. Alle drehten sich zu ihm um, und für einen kurzen Moment wich der ungeheure Druck, der auf der Klasse lastete. Einige lächelten auch, bestand doch auf einmal die Aussicht, zum Mittagessen nach Hause zu kommen. Dagmar aber lächelte nicht. Djallis Glanzbildersammlung kannte sie gut, sie hatte fast so viele Bilder wie er. Und seine waren nicht aus irgendwelchen Büchern herausgeschnitten. Nein, er konnte das nicht gewesen sein. Aber sie erinnerte sich auch, wie Djalli kurz vor den Herbstferien gesagt hatte, dass er keine Glanzbilder mehr vom Jesuskind haben wolle, weil es immer schliefe.
„Glanzbilder haben andere auch“, sagte Schwester Clerenze zu Hannis.
„Aber nicht so schöne wie Djalli“, erwiderte Hannis. „Außerdem ist seine Mutter Freidenker.“
„Freidenker? Was ist denn das?“, forschte Schwester Clerenze nach.
Hannis kratzte sich am Nacken. „Weiß nicht“, sagte er. „Aber Djalli stiehlt seinem Vater Geld. Keiner hat so viele Süßigkeiten wie er.“
Schwester Clerenze ging zu Djalli, packte ihn mit einem festen Griff am Kinn und zog seinen Kopf zu sich heran. „Ist das wahr? Du stiehlst deinem Vater Geld?“
„Ich habe das Buch nicht zerrissen.“
„Danach habe ich nicht gefragt. Stiehlst du? Antworte mir!“
„Nicht viel.“
((39)) „Aha“, sagte sie und wandte sich der Klasse zu. „Kann man den Worten eines Diebes trauen?“
Die meisten schüttelten den Kopf, manche murmelten auch ein Nein.
Schwester Clerenze drückte die verunstaltete Bilderbibel an ihre Brust.
„Nicht nur das Buch ist zerrissen und verletzt. Auch ich bin es. Das Buch wurde zerstört, um mich zu treffen.“
Sie vergoss einige Tränen, die echt zu sein schienen. Dann ging sie mit würdevollen Schritten wieder hinüber zu Djalli und legte das Buch auf sein Pult. Sie hatte das breite Holzlineal in der Hand und mit leiser Stimme befahl sie ihm, die Hände auf dieses zwar misshandelte, doch immer noch heilige Schafott zu legen. Und Djalli tat, wie ihm geheißen, und legte die Hände auf das Buch. Denn er fühlte sich schuldig. Nicht weil er das Buch zerstört hatte, das war er nicht gewesen. Sondern weil er seinem Vater ab und an Geld gestohlen hatte und Schwester Clerenze und die ganze Klasse nun davon wussten.
Das Lineal sauste auf seine Finger nieder. Sie schlug mehrere Male zu, und Olaf, der neben ihm saß, krümmte sich, als würde er selbst geschlagen. Natürlich wusste er, dass Djalli seinem Vater ein paar Mal Geld stibitzt hatte. Wie die meisten Kinder bildete er selbst da keine Ausnahme. Doch dass Djalli das Buch zerrissen hatte? Konnte das wirklich sein?
Jetzt weinte Djalli, und ihm lief die Nase. Nicht immer traf Schwester Clerenze die Finger. Ein Schlag ging am Pult vorbei, und um ein Haar wäre sie durch den Schwung zu Boden gegangen. Olaf hatte Angst vor ihr. Sie war nicht nur sehr böse, sie sah auch so seltsam aus. Ihr Kopf baumelte ein wenig zur Seite, und sie blinzelte, so als hätte sie ein Staubkorn ins Auge bekommen.
Da hielt es Dagmar plötzlich nicht mehr auf ihrem Platz.
„Djalli war’s nicht. Djalli war’s nicht“, rief sie.
Schwester Clerenze hielt inne, war aber zu durcheinander, um Dagmar zu fragen, was sie damit meinte.
„Doch, er war’s. Ich habe es selbst gesehen“, rief Hannis.
((40)) „Du lügst, und Lügner kommen in die Hölle“, rief Dagmar zurück.
Dann lief sie schnell zur Tür, öffnete sie und rannte, so schnell sie konnte, hinunter auf den Gang. Schwester Clerenze hätte ihr nach sollen, ihr war klar, dass sie die Kontrolle über die Klasse verlor. Zwei andere Kinder liefen Dagmar nach, und Ingimar, der genau hinter Hannis saß, hieb ihm mit aller Kraft die Faust in den Nacken und rannte dann den anderen hinterher auf den Gang. Und zu allem Überfluss hörte Schwester Clerenze plötzlich Djallis Stimme:
„Ich war’s nicht, ich habe das Buch nicht zerrissen.“ Und dann noch einmal: Er sei es nicht gewesen, er habe das Buch nicht zerrissen.
Schwester Clerenze wusste nicht, was sie tun sollte, und hätte sie sich nicht an ein Pult lehnen können, sie wäre zu Boden gesunken.
„Sie können gern mein Album sehen, Schwester“, fuhr er schluchzend fort.
Mit Hilfe der Knie gelang es Djalli mühsam, die Schultasche aufs Pult zu wuchten. Doch seine Finger gehorchten ihm nicht. Die Schachtel mit den Glanzbildern glitt ihm aus den blutenden Fingern, und die Bilder verstreuten sich über den ganzen Fußboden.
Schwester Clerenze war nicht mehr bei Sinnen. Das war ganz offensichtlich. Dennoch gelang es ihr, Djalli an den Schultern zu packen; sie bemerkte gar nicht, dass die Direktorin Schwester Agnes die Klasse betreten hatte. Hinter ihr kam Dagmar, die jedoch an der Tür stehen blieb. Schwester Clerenze hatte ihre Kapuze verloren, nur der Kinnschleier saß noch an seinem Platz, im Nacken standen einige graue Haarbüschel hervor. Sie versuchte, Djalli ihre Finger in Augen und Mund zu drücken – das war das einzige, wozu sie noch fähig schien.
„Was tust du?“, fragte die Direktorin entgeistert.
„Ja aber, das ist die Ratte!“
Schwester Clerenze lag auf den Knien. Sie drehte den Kopf zur Seite, und beim Anblick der Direktorin setzte sie einen Fuß auf, hatte aber nicht die Kraft aufzustehen. Einen Moment lang blickte sie nur starr vor sich hin, so als begreife sie nicht, was um sie herum vor sich gehe. Die Direktorin bückte sich und reichte ihr die Kapuze.
„Geh in deine Zelle. Sofort!“
((41)) Djalli blutete unter zwei Fingernägeln, und die Haut an den Fingern war an mehreren Stellen aufgeplatzt. Zu den äußeren Verletzungen kam der Schock. Die Direktorin half ihm auf. Den anderen Kindern sagte sie, sie sollten nach Hause gehen, nach dem Mittagessen würde der Unterricht jedoch fortgesetzt. Dann ging sie mit Djalli in ihr Büro. Sie füllte eine Schüssel mit warmem Wasser und wusch ihm das Blut von den Fingern. Ganz vorsichtig tupfte sie seine Finger ab, bestrich sie mit Jod und verband die Wunden mit einer Mullbinde. Sie tupfte ihm auch das Gesicht ab, dann rief sie bei der Taxizentrale an. Sie ließ sich Leif geben und sagte, dass ein Unglück passiert sei und er am besten hoch in ihr Büro käme.
Während sie auf ihn warteten, saß sie neben Djalli, strich ihm fürsorglich übers Haar und sagte, wie leid ihr das alles tue. Dagmar hatte ihr erzählt, was passiert war. Djalli wäre nie auf die Idee gekommen, das Buch zu zerreißen, meinte die Direktorin, da sei sie sich sicher.
Es klopfte leise an der Tür, und Leif trat ein. Er sah seinen Sohn an und bemerkte sofort die verbundenen Finger. Er bemerkte auch dessen gequälten Gesichtsausdruck und als er sich neben ihn setzte, fing Djalli wieder an zu weinen. Und keine gewöhnlichen Tränen – furchtbare Weinkrämpfe durchzuckten ihn und schnürten ihm die Luft ab, sein Körper bebte. Bestürzt versuchte Leif, den Jungen, so gut es ging, zu trösten, nahm ihn auf den Schoß und wiegte ihn in seinen Armen.
„Was habt ihr mit Djóni gemacht?“, fragte er, nachdem das heftige Schluchzen etwas abgeebbt war. Die Direktorin war ebenfalls betroffen und versuchte nach bestem Wissen zu berichten, was sich zugetragen hatte, hatte jedoch, wie sie sagte, noch keine Zeit gehabt, sich ein vollständiges Bild von dem Vorfall zu machen. Die Schule habe aber, wie sie ganz offen sagte, seit einiger Zeit Probleme mit Schwester Clerenzes Jähzorn gehabt. Leif wusste ihre Offenheit zu schätzen. Die Direktorin sagte auch, dass sie sich persönlich um die Untersuchung der Angelegenheit kümmern wolle und Leif und Djalli hoffentlich die vorbehaltlose und demütige Entschuldigung von Seiten der Schule annehmen würden. Vater und Sohn waren aufgestanden und Schwester Agnes meinte, es wäre besser, wenn sich ein Arzt Djallis Finger ansehen würde.
((42)) Nach dem Mittagessen hatten die Kinder Rechnen bei Schwester Bertha. Sie saß am Lehrerpult, während die Direktorin die Kinder an der Tür in Empfang nahm. Schwester Agnes hatte kluge Augen, von ihrer Stimme fühlte sich die Klasse sofort angesprochen. Sie war aber auch ein ganz normaler Lehrer, das heißt, wenn es sie überkam, kniff sie die Schüler und zog sie an den Haaren. Heute aber war nicht so ein Tag. Sie hielt auch keine lange Rede. Sie sagte nur, dass derjenige, der die zerstörte Bilderbibel auf dem Gewissen habe und die Ursache für die entstandene bedauerliche Situation sei, Jesus um Vergebung bitten solle. Und dass die Menschen, die etwas falsch gemacht hätten, in den katholischen Ländern zum Priester gehen und beichten könnten. Auf diese Weise würden sie ihr Herz erleichtern und ihren Seelenfrieden finden, auch hier in Tórshavn sei das möglich. Dann teilte sie mit, Schwester Clerenze sei krankgeschrieben und habe Jesus um Vergebung dafür gebeten, dass sie Djalli so heftig geschlagen habe.
Sie war schon am Gehen, als die Direktorin bemerkte, dass Bjarki fehlte. Als sie verwundert fragte, ob jemand von der Klasse ihn gesehen habe, begegnete sie Dagmars Blick. Vielleicht nur eine Sekunde lang, kaum mehr. Aber diesen winzigen Augenblick lang dachten beide genau das Gleiche: Bjarki war der Übeltäter! Und es gab noch etwas, das Schwester Agnes nicht wusste und das diesen Verdacht erhärtete: Bjarki war der einzige der Glanzbildersammler, der seine Glanzbilder selbst herstellte.
Bereits am Nachmittag dieses unglücklichen Tages traf sich die Direktorin mit Bjarkis Mutter zu einer Unterredung in ihrem Büro.
„Ich habe Bjarki bei den Glanzbildern geholfen“, sagte seine Mutter. „Ich konnte ja nicht wissen, dass er die Bilder aus dem Buch herausgerissen hatte, davon hat er nichts gesagt. Wir hatte es beide so gemütlich miteinander, und die Rückseite der Bilder haben wir mit Silberpapier beklebt.“
Sie überreichte der Direktorin einen Umschlag. Darin lagen die Glanzbilder.
